Ethno - logisch

Bei vielen Menschen sind Volksmusik, Ethno oder gar Folklore verpönt. Schüler in der Schule wollen nach meiner Erfahrung weder Lieder aus Ungarn noch Lieder aus China noch Lieder aus Brasilien singen, auch keine afrikanischen usw., auch wenn die Schulbuchverlage noch so sehr für diese kulturelle Aufgeschlossenheit werben in Form von schülernahen Arrangements, Unterrichtseinheiten etc.. Und viele der heutigen Under-60s, mindestens die, die nicht auf dem Lande leben, wo es vielleicht gewisse Volksmusiktraditionen gibt wie in Oberbayern, würden sich nicht die Blöße geben wollen, Musik, die aus dicken Backen kommt oder in Lederhose und Dirndl gesungen wird, auch nur im Ansatz wertzuschätzen. Volksmusik wird hierzulande oft gleichgesetzt entweder mit Schlagerparaden oder mit spießiger Traditionspflege in Blaskapellen oder Gesangvereinen. Dabei stammen gerade Letztere aus einer Zeit der politischen Emanzipation, ca. ein Jahrhundert vor den 1960ern, und haben genauso ihre zumindest historische Berechtigung und sogar eine analoge Message zu den Songs von Bob Dylan, Cat Stevens etc. oder von deutschen Liedermachern.

Woher kommt diese Ignoranz gegenüber traditioneller Musik? Ignoranz bedeutet nicht nur Abwertung, sondern im ursprünglichen Wortsinn Unwissenheit (vgl. frz. ignorer = nicht kennen). Und da liegen meiner Meinung nach mindestens 30 % der Ursachen. Zwei weitere schwergewichtige Gründe sind  vermutlich zum einen die Abgrenzung von den Eltern, die ja zumindest zeitlich den musikalischen Traditionen näherstehen als deren Kinder und mancherorts diese Traditionen pflegen inklusive der damit verbundenen Wertvorstellungen, zum anderen der nicht streitbare musikalische Geschmack. Während zum Beispiel viele Deutsche sich genervt  von indischer oder chinesischer Musik abwenden, wenn sie nicht gerade zum Essen in den entsprechenden Restaurants gespielt wird, wo man sie allenfalls als unvermeidliche Untermalung des Ambientes toleriert, liebe ich nun gerade die fernöstliche, in China meist pentatonische , in Japan auf sehr landestypischen Skalen aufgebaute Musik nebst dem für europäische Ohren oft recht quetschigen Sound der Stimmen und Instrumente. Auch dem virtuosen indischen Gesang kann ich viel abgewinnen, oder dem arabischen und türkischen, der hierzulande unter Menschen, die nicht einem dieser Kulturkreise entstammen, auf der Beliebtheitsskala im Allgemeinen nicht sehr weit oben rangiert. Umgekehrt ist oder war zumindest griechische Sirtaki-Musik unter Deutschen recht beliebt, diese Musik mag ich nun wiederum nicht allzusehr. Aber ich war auch noch nie in Griechenland, während vielleicht jeder fünfte Deutsche schon einmal auf einer griechischen Insel seinen Ouzo zum Gyros oder Saganaki gekippt hat. Womit wir wieder beim Thema der Ignoranz im Sinne von Unkenntnis angekommen wären. Ich erinnere mich noch, wie ich mich unheimlich gefreut habe, als ich auf der ITB eine paraguayische Folkloregruppe, die für den Tourismus in ihrem Land warb, gesehen habe, denn diese Musik, die ich anfangs gar nicht so mochte, hat mich mit dem Land verbunden, das ich schon mehrmals bereist habe, und dessen Musik nach ein paar im Land erlebten Auftritten inzwischen mein Herz erobert hat. Und so kann man sich in fast jede Musiktradition hineinhören und ihr eine persönliche und kulturelle Bedeutung geben. Es gibt in meinen Ohren auch keine bessere oder schlechtere Volksmusik, jedes Volk hat seine ureigene und jede Volksmusik ist gewachsen in einem bestimmten kulturellen Kontext und gereift durch fachkundige Musikerinnen und Musiker, die sie gleichzeitig weiterentwickelt und zu einer hohen Perfektion geführt haben. Stattdessen gibt es unbestreitbar eine ungeheure, ethnisch begründete Vielfalt an traditioneller Musik, aus der letzten Endes die ganze "Weltmusik" schöpft. Mein bisher größtes Aha-Erlebnis in dieser Richtung war, als ich einmal in Salzburg auf einem österreichischen regionalen Kanal eine Fernsehsendung mit äußerst virtuoser, auf zwei Akkorden aufgebauter Volksmusik im Klarinetten-Duo gesehen habe, was mich dazu geführt hat, diese Musik, die ich vorher als Sonntagsgedudel abgetan und folglich überhört bzw. abgeschaltet hätte, als schön und ebenso hochwertig zu empfinden. (Noch dazu bin ich im Gegensatz zu Mozart kein Klarinetten-Fan). Als ich am folgenden Tag auf dem Salzburger Christkindlmarkt in einem von Mozart komponierten oder arrangierten Chor-Adventslied (leider erinnere ich mich an den Titel nicht mehr) die gleichen musikalischen Strukturen wiedererkannt habe, als der Chor sie inbrünstig und gekonnt wiedergab dank des sehr guten Chorleiters, hatte ich Gänsehaut-Feeling und mir wurde klar, wie sehr Mozart u.a. der eigenen österreichischen oder alpenländischen musikalischen Volkstradition verhaftet gewesen sein muss.

Nun ja, es wird niemand bestreiten wollen, dass z.B. die amerikanische Countrymusik vom selbst unter Volksmusikverächtern beliebten Erbe der britischen und irischen Volksmusik, dem Folk zehrt, und dass auch der Rock` n` Roll und ein Großteil der Rockmusik zu ca. 50 % davon beeinflusst ist (der andere Teil kommt aus der afroamerikanischen Bluestradition). Nur ist diese Musik bei der Mehrheit von Musikkonsumenten angesagter, hipper oder was auch immer als die alpenländische Volksmusik. 

Ich kann jedenfalls nur dazu einladen einmal hinzuhören, was es noch so an "Angeboten" auf dem globalen Musikmarkt gibt, und eventuell meinen Ethnochor zu besuchen, wo wir uns mit dem gebührenden Respekt diesen fremden Musiken nähern und sie kennenlernen werden. Um die Authentizität dieser musikalischen Erfahrungen zu steigern,  werde ich ab Sommer 2020 Projektchorreisen in verschiedene Gebiete Europas und der Welt anbieten, wo wir dann gemeinsam jeweils im originalen Umfeld die eine oder andere landestypische Musikrichtung mitsingend erleben dürfen. Wer sich dafür interessiert, kann schon einmal an unsere Mailadresse schreiben. Fürs Erste sind drei Reisen geplant: ins Erzgebirge, nach Zentralfrankreich in die Regionen Loire und Sologne (mit Zwischenstopps in der Champagne und im Burgund) sowie durch Kenia.

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