"Musical" - ein No-go?

Schon lange regt mich mich der nur im Deutschen verwendete Begriff "Musical" für das moderne Musiktheater auf. Ist zwar eine Bagatelle bzw. ein Bagatellschaden, aber so wie sich andere über einzelne nicht gespülte Tassen im Spülbecken oder andere alltägliche Bagatellen aufregen, rege ich mich eben über sprachliche Ungenauigkeiten oder Übersetzungsfehler auf. 

Denn ursprünglich, d.h. im Englischen heißt das "Musical" ja "Musical Play" bzw. "Musical Comedy" , gemeint ist ein Schauspiel - im ersten Fall ernst, im zweiten komisch bzw. lustig. Das Wort "Musical" ist also nur ein Adjektiv, das zur Verkürzung verwendet wird, das aber auf deutsch lediglich "musikalisch" bedeutet. Wenn wir also sagen, dass wir morgen in ein "Musical" gehen, sagen wir genaugenommen, dass wir "in ein Musikalisch" gehen bzw. -  im sprachlich-begrifflichen Kontext mit der dann notwendigen Substantivierung - "in ein Musikalisches". Was für ein sprachlicher Blödsinn, was für ein No-go!

  

Ok - ob sich möglicherweise sogar die Amerikaner und Briten inzwischen an die Abkürzung und begriffliche Vereinfachung gewöhnt haben und ihrerseits auch nur noch "Musical" zum musical play oder zur musical comedy sagen, weiß ich nicht. Im Deutschen ist der Übersetzungsfehler jedenfalls nicht mehr rückgängig zu machen, und auch ich sage natürlich "Musical" zum Musical, ansonsten würde man mich irritiert anschauen und fragen, was ich denn genau meine. 

Mal zum Musical selbst: Das ist auch eine komische Chimäre aus Gesang, Tanz und Schauspiel, und schlimmstenfalls kommen alle drei Gattungen der Darstellung im Nebeneinander einzeln zu kurz dabei, bestenfalls vereinen sie sich zu einem Gesamtkunstwerk. Eine gewisse Verflachung sowohl der Musik als auch des Schauspiels kann man indes oft vorfinden, und das liegt nicht nur an der Fusion der drei Sparten, sondern auch ... ja woran denn eigentlich? War bereits in der Oper der Text der Musik mehr oder weniger untergeordnet, mal abgesehen von Wagners Gesamtkunstwerk bzw. wie er es selbst bezeichnete "Wort-Ton-Drama", für das er beanspruchte, dass sich die dramatische Handlung in die Musik einbettet und von dieser quasi getragen wird, aber dabei ihre eigenständige Bedeutung nicht schmälert (in der Theorie zumindest), während Verdi bewusst einen schlechten Librettisten sprich Texter engagierte, um umso mehr mit der Komposition glänzen zu können, abgesehen davon kann das Musical ja eigentlich nur sich qualitativ selbst überfordern, indem es sogar versucht, drei Sparten unter einen Hut bzw. in ein Stück zu bringen. Das hat davor eigentlich nur die Revue versucht, und die reiht ja nun, egal ob mit oder ohne inhaltlichen roten Faden, verschiedene Darbietungen einfach aneinander. Und so kommt einem eben auch so manches Musical vor: Hauptsache Schauspieler, Tänzer und Sänger haben alle "ihren Auftritt" oder schlimmer noch, jede Darstellerin und jeder Darsteller soll alle drei Dinge nacheinander oder nebeneinander in bester Verfassung präsentieren. Au weia! Wie viel Verflachung der oftmals tragischen Stoffe und wie viel Kitsch zugunsten der Show muss man da in mancher Produktion über sich ergehen lassen. Das ist natürlich andererseits auch schon wieder Programm, es soll ja, wie die Vorläuferin, die Operette, in erster Linie Unterhaltung fürs Volk sein.

Für die Darsteller macht die Dreispartigkeit in Einem nun wiederum den Reiz aus, denn es ist eine echte Herausforderung, alles bestmöglich hinzubekommen.

Trotz und alledem gibt und gab es zu allen Zeiten gelungene Exemplare von Musicals, wo der Handlungsstrang so fesselt, dass man die Musik und die choreographische Darstellung, die ihrerseits sowohl Niveau als auch Tiefgang zeigen, als perfekt integriert empfindet und sozusagen einen kompletten Genuss hat, nicht wie in einer Zirkusvorführung, wo man von Sensation zu Sensation mitgerissen wird (was auch seinen Reiz hat), sondern eher wie in einem guten Roman, den man nicht weglegen möchte, bis man ihn zuende gelesen hat, weil alles in eine Richtung zielt und trotzdem jedes Detail der Handlung seine sinnstiftende Funktion hat und die sprachliche Gestaltung genau das rüberbringt. Ein Gesamtkunstwerk eben - tja, das kann ein Musical auch sein, vorausgesetzt der Regisseur versteht sein Handwerk, und ich habe gerade in jüngster Zeit mal wieder ein solches gesehen. Dann ist es phantastisch, in ein "Musical" zu gehen, dann wird aus dem No-go ein absolutes Go!, man kommt bereichert durch eine Erfahrung und ästhetischen Genuss wieder raus. Namen will, kann und soll ich nicht nennen!    

Aber eine kleine Schleichwerbung in eigener Sache darf ich auf unserer Homepage schon machen: Unsere Musikschule hat ja einen bestehenden "Musical"- und Filmchor namens "Musicalix" (hihi, auch eine sprachliche Verballhornung, aber mit dem Hintergedanken, dass wir da was zusammenmixen und -brauen). Dort beschränken wir uns auf Medleys der beliebtesten Melodien aus jeweils einem Musical oder Film. Einen solchen Chor gibt es weit und breit nicht. Leider - aber vielleicht ist das auch gut so, damit wir wenigstens wir uns nur auf das Musikalische, das "Musical" beschränken, und mehr könnten wir auch gar nicht leisten - ist es für die Medleys laut Herausgeber der Noten nicht erlaubt, die Songs darzustellen oder zu choreographieren, noch nicht einmal richtige Kostüme sind erlaubt. Nun ja - umso schöner ist der musikalische Genuss, denn all die bekannten und beliebten Melodien kommen da zu Gehör, und das dank der tollen Arrangements der Arrangeure meist im dreistimmigen Chorsatz, der oft die Originalversion noch übertrifft. Dazu gelungene Klavierbegleitung - wir haben jedenfalls unseren Spaß, und wer da mitsingen will, kann gerne an einem unserer Probetagen, jeden zweiten kalendarischen Freitag im Monat (d.h. einmal monatlich) von 19 bis 21 Uhr mal dazukommen und einmal  probe- und kostenfrei mitmachen. Nach erfolgter Aufnahme in den Chor kostet es dann 10 Euro pro Monat bzw. 8, falls die magische Anzahl von 12 TeilnehmerInnen  überschritten wird, die gelegentlichen Auftritte sind inbegriffen, die Noten allerdings nicht (ca 5 € pro Medley).

Wäre toll, wenn wir Zuwachs bekämen, vor allem Soprane und Männerstimmen werden aktuell gesucht. Ach so - wir singen allerdings alles auf englisch. Go! and sing with us!