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Geige oder Bratsche?

Tja, was ist denn das für eine Frage? Natürlich Geige lernen. Das ist doch die Königin unter den Streichinstrumenten, sie spielt meistens die Hauptmelodie in der Kammermusik und in den sinfonischen Werken, es gibt unzählige tolle Violinkonzerte und -sonaten, wer super Geige spielen kann, kann musikalisch Karriere machen, man kann sie virtuos spielen, wie Paganini, Anne-Sophie Mutter, David Garrett, es gibt sogar tolle Einsatzmöglichkeiten im Irish & Scottish Folk, der Countrymusik, der Musik der Roma etc.. 

 

Stimmt alles - setzt aber auch jede Menge Üben bei entsprechender Begabung voraus. 

 

Bratsche dagegen - die kennt kaum jemand, sie ist nur ein Nebeninstrument, hat kaum was zu tun im Orchester und fällt nicht auf, klingt langweilig oder traurig, ist nur was für verhinderte d.h. schlechte Geiger, ein Instrument, das allenfalls für Witze gut ist. Was macht eine Bratsche, wenn man sich draufsetzt? Antwort: "Bratsch" (mit kurzem "a" aussprechen!).

 

Stimmt alles nicht (bis auf den Bratschen-Witz vielleicht).

 

Fangen wir mal beim Namen an: Der etwas hässliche und zu lustigen Wortspielen verleitende Name Bratsche ist eine Lehnsübersetzung des italienischen Namens Viola da braccio (Kurzform Viola), was so viel bedeutet wie "Armviola", also eine Viola, die im Arm gehalten wird (genauso wie die Geige übrigens). Viola ist sowas wie die Urmutter der Streichinstrumente. Es gibt ja auch noch die Viola da gamba, die barocke "Kniegeige", und eben auch die Violine (Geige), was auf deutsch "kleine Viola" bedeuten würde. Vom Namen her ist also sogar die Bratsche die Stammform der Geige, nicht umgekehrt. Dass es von der Instrumentenentwicklung etwas anders ist, lassen wir mal außer Acht. 

Um weiterhin eine Lanze für die Bratsche zu sprechen, reden wir mal vom Klang: Klar, die Geige brilliert mehr, wenn sie gut gespielt wird, die Bratsche klingt tiefer, schwerfälliger, manchmal etwas komisch sogar, aber sie hat zum Beispiel drei verschiedene Register: eine mittlere Lage, die ungeheuer warm und voll klingen kann, eine tiefe Lage, die schon etwas bassig wie ein Cello klingen kann, und eine hohe Lage, die je nach Bau und Saitenmaterial eher näselnd klingen kann, aber auch wunderschön singen kann. Das ist eine solche klangliche Vielfalt, wie man sie nicht auf allen Instrumenten vorfindet. 

Und das haben dann auch die Komponisten ab der Romantik und besonders auch die Komponisten der Moderne erkannt und endlich vernünftige Literatur für die Bratsche geschrieben, wo ihre klanglichen Vorzüge ausgenutzt werden und auch die Virtuosität auf diesem Instrument gefördert und gefordert wird. Für ältere Epochen (Renaissance, Barock, teilweise Klassik) bedient man sich für die Solo-Bratschenstücke mangels Originalliteratur meistens umgeschriebener Gamben- oder Cellostücke, sogenannter Transkriptionen für die Bratsche. 

Aber auch im Orchester wurde die Bratsche im 19. Jahrhundert für alle Zeiten neu entdeckt, und nachdem in Barock und Klassik der Bratsche meistens nur Füllstimmen, also Akkordtöne zugemutet wurden, haben die meisten Komponisten der Romantik der Bratschengruppe im Orchester an verschiedenen Stellen ihrer Sinfonien und sinfonischen Dichtungen etc. wunderbare Melodien bzw. Soli und damit ein neues Renommee gegeben.

  

Ich wundere mich immer wieder, warum so wenige Bratsche lernen wollen im Vergleich zur Geige. Für die Besetzung der Orchester ist das zwar nicht ungünstig, denn es werden über doppelt so viele Geiger wie Bratschisten in einem Streich- oder Sinfonieorchester gebraucht (u.a. weil es ja zwei Stimmgruppen bei den Geigen gibt, die 1. und die 2. Violine (oder Geige).   

 

Beim Spielgefühl kommt es mitunter auf die Physis der jeweiligen Instrumentalistin/ des jeweiligen Instrumentalisten an. Manchen liegt die Geige besser im Arm, manchen die Bratsche. Lange Arme und Finger würden zum Beispiel eher für das Bratschenspiel sprechen, da diese doch einiges länger, breiter und schwerer als die Geige ist. Bezüglich des Klangs ist es mehr oder weniger Geschmackssache. 

 

Also - probiert es bzw. probieren Sie es aus und kommen Sie bei uns zu einer Probestunde vorbei. Geigen in verschiedenen Größen sowie eine Anfängerbratsche sind vorhanden, und auch ein Neukauf für den Anfang ist heutzutage erschwinglich. Entgegen mancher althergebrachter Meinung kann man/frau auch als Erwachsene(r) noch Geige und erst recht Bratsche lernen, nach wenigen Jahren ist sogar das Mitspielen in Amateurorchestern oder in einer Band möglich.

 

Wir freuen uns auf Euch/ auf Sie !